Poesie

Mittwoch, 21. Januar 2009

Eine junge Frau in der Straßenbahn

Ein junge Frau, Typus aufkommendes Prekariat, besteigt die Straßenbahn und setzt sich. Die Tram fährt los, die Frau klappt ihr Handtelefon auf. "Hallo!“ sagt sie, und zwar so laut, dass alle im vorderen Bereich der Bahn es hören können.

„Stell dir vor: Der Erzeuger meines Kindes verdient Geld!“ Die übrigen Passagiere schauen aus dem Fenster und tun auffällig unauffällig, als wären sie Statisten, denn die Hauptrolle gehört der jungen Mutter mit ihrem einseitigen Dialog:

"Hätte man nicht gedacht, oder? – Genau. – Der kriegt über tausend Euro! Und vom Hartzamt bezieht er auch noch Leistungen! – Was? – Ja, genau. – Das lass ich mich nicht gefallen! Und der Staat will sicher auch noch seinen Anteil zurück haben. – Also ich habe beschlossen, ich erwürge jetzt den Titel.“

Hat sie wirklich so gesagt und meinte wohl erwirken.

Das Kind kann einem leid tun. Mit solchen Eltern.

Montag, 10. März 2008

Haltestelle der Wehmutbrüder

Die Straßenbahn-Haltestelle am Topfmarkt scheint sich wohl zum sozialen Brennpunkt zu entwickeln. Innerhalb einer Woche sind mir dort Szenarien begegnet, die von beängstigender seelischer Kälte zeugen.

Am Montag- oder Dienstagabend (3./4.3.) steht ein Krankenwagen vor dem Wartehäuschen, zwei Sanitäter und ein paar Trinker darin. Einer der Sanitäter schlägt wütend auf einen vor ihm sitzenden Trinker ein, der noch dazu am Kopf blutet. Ich wechsele die Straßenseite und nähere mich dem Geschehen. „He!“ rufe ich. „So geht’s nicht!“ Wir kommen ins Gespräch. „Du bist mein Zeuge!“ grölt der Trinker. „Wegen dem müssen wir hier stehen und warten“, schimpft der Sanitäter, sein Kollege steht schweigend daneben. „In der Zeit können wir nicht ausrücken und Leuten helfen, die wirklich Hilfe brauchen!“ Der Krankensanka muss auf die Polizei warten, erst dann kann er zum nächsten Einsatz, wird mir erklärt. Ich sage dem Sanitäter, er solle das Prügeln fürderhin unterlassen und gehe heimwärts.

Am Sonntagabend (9.3.) passiere ich genau in dem Moment die Straßenbahn-Haltestelle, als drei Trinker, zwei davon mit Krücken, erfolglos versuchen, in die Tram einzusteigen: Der Fahrer lässt die Türen verschlossen, wieder einmal. Langsam fährt die Tram an. Der Mann mit der Krücke, der sich an die Bahn gelehnt hatte, kippt in Fahrtrichtung um und stürzt halb unter die Tram, welche zum Glück sofort stoppt. Der Fahrer steigt aus. „Der Mann kann schlecht hier liegen bleiben“, sage ich zu dem passiv herum stehenden Fahrer. „Die stinken“, meint der Fahrer wie zur Entschuldigung für seine Verschlusssache. Zusammen hieven wir den Wermutbruder auf den Bürgersteig. Passanten treten hinzu und bieten ihre Hilfe an. Der Krüppel blutet am Kopf. Jemand ruft Polizei und einen Krankenwagen, wobei ich hoffe, es handelt sich dabei nicht um dieselbe Besatzung wie oben...

Donnerstag, 3. Mai 2007

Trams & Tramps - Alltagsgeschichte aus FFO

Es ist Montag in der Früh und ich haste zur Haltestelle. Die Straßenbahn zieht an mir vorbei und bremst vorschriftsgemäß ab. Außer Atem erreiche ich die hinterste Tür, doch die Leuchtdioden werden nicht grün, die Tür bleibt geschlossen. Ein Wermutbruder mit zahllosen Beuteln macht an der mittleren Tür dieselbe Feststellung.

Dafür gibt ein Knacken die vorderste Öffnung frei und spuckt einen Mann aus. Er ruft mir zu: "Sie müssen vorne einsteigen!" und zu dem Wermutbruder gewandt ruft er mit schimpfender Stimme: "Wie oft soll ich dir denn das noch sagen? Du kommst hier nicht rein! Kauf dir gefälligst nen Fahrschein!"

Ach, die beiden kennen sich.

Der zottelige und verwahrloste Trinker nimmt seine prallvoll gefüllte Beutelsammlung, geht wieder auf den Bürgersteig und schimpft zurück: "Wasch dich erst mal, wenn du mit mir redest!"

* * *

Es ist abend, ich bekomme gerade so die letzte Straßenbahn, um mit den anderen Pillgram-Pilgrims des RE1 vom Bahnhof ins Stadtzentrum zu gelangen. Am Topfmarkt will ich aussteigen, wieder öffnet sich nur die vorderste Tür. Eine Frau steigt aus, die Fahrerkabine knarzt auf und der Straßenbahnpilot baut sich mit den Händen in die Hüften gestemmt am Eingang auf. Ich fühle mich wie ein Schwarzfahrer, der erwischt wird. Blöde grinsend gehe ich an ihm vorbei ins Freie.

Draußen versucht ein sichtlich alkoholisierter Wermutbruder krampfhaft mit Krücken in die Tram einzusteigen. In die geschlossene Tür hinein. Die Tram fährt langsam an. der Wermutbruder purzelt rücklings ins Scheinwerferlicht der wartenden Autos. Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken.

Als ich umkehre, steigt schon der Kraftfahrer des vordersten Kraftfahrzeugs aus und entfernt das menschliche Etwas unter Verwendung von Kraftausdrücken von der Straße.

Nobody loves you when you are down and out.

Montag, 25. September 2006

Frankfurt an der Oder

von Joachim Ringelnatz

Nicht Oderkrebse aß ich,
Nein: ersten frischen Blumenkohl
Mit Bröseln. Dazu las ich,
Was du mir so ausführlich schriebst,
Dass du die Miete schuldig bliebst.
Ich freute mich, dass du mich liebst.
Die Miete, die vergaß ich.
Denn Frankfurt war so spaßig.
Besonders weil’s Karfreitiag war,
Guten Tag. Wie geht es? Leben sie wohl.
War alles Langerweile voll.
Ich frug den Mixer an der Bar,
Was man an Frankfurt rühmen soll.
Da mußte er gerade
Mal raus. Und das war schade,
Denn bald darauf ging schon mein Zug.
Ich konnte nicht mehr warten
Und hatte just noch Geld genug
Für ein paar Ansichtskarten.
Ich presste allen Witz heraus
Und schrieb mit stumpfer Feder
An alle Freunde: „Grüße aus
Frankfurt an der Entweder
.“

(Quelle: Joachim Ringelnatz, Gesammelte Werke, Berlin: 1950)

vgl. Frankfurt an der Oder
vgl. auch Frankfurt am Main

Frankfurt (Oder)

Hart an der Grenze

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