Dienstag, 8. April 2008

Frankfurt für ein freies Tibet

Tibetflagge-am-Frankfurter-Rathaus

Montag, 10. März 2008

Haltestelle der Wehmutbrüder

Die Straßenbahn-Haltestelle am Topfmarkt scheint sich wohl zum sozialen Brennpunkt zu entwickeln. Innerhalb einer Woche sind mir dort Szenarien begegnet, die von beängstigender seelischer Kälte zeugen.

Am Montag- oder Dienstagabend (3./4.3.) steht ein Krankenwagen vor dem Wartehäuschen, zwei Sanitäter und ein paar Trinker darin. Einer der Sanitäter schlägt wütend auf einen vor ihm sitzenden Trinker ein, der noch dazu am Kopf blutet. Ich wechsele die Straßenseite und nähere mich dem Geschehen. „He!“ rufe ich. „So geht’s nicht!“ Wir kommen ins Gespräch. „Du bist mein Zeuge!“ grölt der Trinker. „Wegen dem müssen wir hier stehen und warten“, schimpft der Sanitäter, sein Kollege steht schweigend daneben. „In der Zeit können wir nicht ausrücken und Leuten helfen, die wirklich Hilfe brauchen!“ Der Krankensanka muss auf die Polizei warten, erst dann kann er zum nächsten Einsatz, wird mir erklärt. Ich sage dem Sanitäter, er solle das Prügeln fürderhin unterlassen und gehe heimwärts.

Am Sonntagabend (9.3.) passiere ich genau in dem Moment die Straßenbahn-Haltestelle, als drei Trinker, zwei davon mit Krücken, erfolglos versuchen, in die Tram einzusteigen: Der Fahrer lässt die Türen verschlossen, wieder einmal. Langsam fährt die Tram an. Der Mann mit der Krücke, der sich an die Bahn gelehnt hatte, kippt in Fahrtrichtung um und stürzt halb unter die Tram, welche zum Glück sofort stoppt. Der Fahrer steigt aus. „Der Mann kann schlecht hier liegen bleiben“, sage ich zu dem passiv herum stehenden Fahrer. „Die stinken“, meint der Fahrer wie zur Entschuldigung für seine Verschlusssache. Zusammen hieven wir den Wermutbruder auf den Bürgersteig. Passanten treten hinzu und bieten ihre Hilfe an. Der Krüppel blutet am Kopf. Jemand ruft Polizei und einen Krankenwagen, wobei ich hoffe, es handelt sich dabei nicht um dieselbe Besatzung wie oben...

Montag, 3. März 2008

Bernward Vesper, Dichter & Verleger

"Ich habe nicht darum gebeten, Europäer werden zu dürfen,
geboren als Deutscher im Jahre 1938 in einer Klinik in
Frankfurt an der Oder, als Kind von Mittelklasseeltern,
die einem vertrottelten Traum vom Tausendjährigen Reich
anhingen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, die man mir
vorenthalten hat, ich werde mich verwandeln, bis ich alle
Stadien durchlaufen habe."

Die Person, die uns zornig und unzufrieden diese Worte entgegenschleudert, war kein bedeutender Schriftsteller, aber auch kein unbedeutender Autor. Er hat nur ein einziges Buch geschrieben, welches erst sechs Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde und noch dazu vielen als unlesbar gilt. Kaum ein Mensch aus Frankfurt (Oder) wird den Namen des Autors kennen, keine Straße heißt nach ihm und nach seiner Geburt kam er auch nie mehr hierher zurück, obwohl er doch nur wenige Kilometer entfernt, in Westberlin, lebte.

Bernward Vesper (* 1. August 1938 in Frankfurt an der Oder, † 15. Mai 1971 in Hamburg) war der Sohn des Nazidichters Will Vesper und der erste Lebensgefährte der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, mit der auch einen gemeinsamen Sohn zeugte. Sein Leben und Schreiben und Sterben ist deswegen so interessant, weil sich soviel Exemplarisches zur deutschen Nachkriegsgeneration darin verdichtet.

Bernward wuchs im Westteil Deutschlands, auf dem Gut seiner Eltern in Triangel bei Gifhorn, auf. Lange Zeit stand er unter dem autoritären Einfluss seines rechtskonservativen Vaters, des Blut-und-Boden-Romantikers Will Vesper. Als der Vater längst tot war, versuchte Bernward gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und Verlobten Gudrun Ensslin das Gesamtwerk des Vaters herauszubringen. Erst nach und nach konnte er sich vom Vater und dessen Weltanschauung lösen und kippte gleichsam ins andere Extrem, den Linksextremismus, in Drogenräusche und die sogenannte freie Liebe. Der offenbare Antisemitismus blieb.

Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes, Felix, verließ Gudrun Ensslin den ausgeflippten Schwerenöter, nur um diesen durch einen anderen durchgeknallten Casanova zu ersetzen: Andreas Baader. Der hochintelligente Bernward Vesper, der immer davon träumte, schriftstellerisch in die Fußstampfen seines Vaters zu treten, verfasste in den Jahren 1969-71 sein einziges, als Romanessay bezeichnetes Werk: DIE REISE. Der Arbeitstitel wechselte mehrmals, das Buch sollte ursprünglich HASS, später TRIP und dann LOGBUCH heißen.

DIE REISE ist mehrdeutig angelegt und schildert verschiedene Ebenen. Da wäre zuerst die Lebensreise: Anekdoten, Reflektionen und Erinnerungsfetzen zur eigenen Vergangenheit. Dem gegenüber steht die innere Reise: Drogentrips unter Einfluss von Haschisch, LSD und andere Substanzen aus der Hausapotheke einer normalen Berliner Wohnkommune in den 1960ern. Darüber hinaus entstand diese Auto-Biografie quasi auf der Reise, Blatt für Blatt, Zettel für Zettel, Notiz für Notiz, denn der Autor führte zum Ende einen mobilen Lebenswandel.

Der Buchinhalt ist ganz Bewusstseinsstrom, Gegenwart und Vergangenheit durchmischen sich. Die Zukunft ist in nüchternen Prognosen und luziden LSD-Visionen ebenso vertreten. „Wir sollten uns nicht mit der Frage herumquälen, wie die Worte entstanden sind, sondern die Dinge – damit wir eines Tages ohne die Sprache auskommen können.“ (S. 218) Ab und an ist vermerkt, wann der Autor beim Schreiben unter welchem Stoff stand: Grüner Türke, Roter Libanese, Schwarzer Afghane, Mikro-Meskalin. Zum Ende hin stößt der Leser dann auf diese Zeilen: „Eine Tages langweilten mich die künstlichen Paradiese mit ihrer Schönheit. Als ich mich umsah, saß ich immer noch in meinem Pisspott.“ (S. 504)

Trotz seines wirren Handlungsverlaufs, der keiner ist, gilt DIE REISE als „das schlechthin gültige Buch über Bewusstsein und Entwicklung der deutschen Nachkriegsjugend“ (Der Spiegel). Timothy Leary, Albert Hofmann, Ulrike Meinhof, Langhans und Kunzelmann und Konsorten, alles, was seinerzeit Rang und Namen hatte, kommt - zumindest namentlich - darin vor. So heißt es im Prolog der Herausgeber, die aus dem Zettelkasten ein halbwegs lesbares Buch collagieren mussten: „Die Ähnlichkeit von Personen dieses Buches mit lebenden Personen beruht nicht auf Zufall, sondern wurde in etwa zweijährigem Arbeitsprozess hergestellt.“

Kurz nach Fertigstellung oder sollte man besser sagen: nach Abschluss des Romanfragments nahm sich Bernward Vesper, der mittlerweile in einer psychiatrischen Klinik lebte, mittels Schlaftabletten das Leben. Wenn man das lesenswerte Erinnerungsbuch VOR DER REISE von Henner Voss, seinem ehemaligen Mitbewohner in der Kreuzberger Cuvrystraße, richtig deutet, dann war das auch von Anfang an so geplant.

Vesper wurde mit seinen 32 Jahren beinahe so alt, wie der andere Frankfurter Dichter und Selbstmörder: Heinrich von Kleist (34).

Nun denn, lasst uns auf REISEN gehen! Ein wirklich wahnsinniges Buch!

Lesetipp:
  • Bernward Vesper: Die Reise. Romanessay, Ausgabe letzter Hand.
  • Henner Voss: Vor der Reise. Erinnerungen an Bernward Vesper.
  • Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus.

Montag, 8. Oktober 2007

Kleist-Festtage

Am 9. Oktober brennt in Frankfurt die Luft.

Am 10. Oktober wird in Frankfurt jemand Chef, egal wovon.

Am 11. Oktober wird in Frankfurt schlafgewandelt.

Am 12. Oktober liegt Frankfurt in Scherben.

Am 13. Oktober wird in Frankfurt die Braut zum Bräutigam.

Am 14. Oktober werden in Frankfurt andere Saiten aufgezogen.


Die Kleiststadt macht ihrem Dichter wieder alle Ehre: mit den Kleist-Festtagen. Mit den obigen Slogans wird im gesamten Stadtbild für die Theatervorstellungen auf originelle Art und Weise - wie ich finde - geworben.

"Ein einmaliges Doppel-Theaterfestival erwartet die Besucher der Kleist-Festtage 2007 in Frankfurt (Oder): Die Kleist-Festtage kooperieren mit den Theatertagen der Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt und stellen Kleist als Dramatiker in ihren Mittelpunkt."

Ab 9. Oktober brennt in Frankfurt die Luft.

Freitag, 13. Juli 2007

Auf dem Brandenburger Jakobsweg

Jakobusweg
Paulo Coelho ist ihn gegangen, Shirley McLain und nicht zuletzt Hape Kerkeling: den Jakobsweg. Über Ländergrenzen hinweg gilt der über 1000 Jahre alte Pilgerweg nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens als verbindendes Symbol. Im Mittelalter bedeckte das Jakobswegenetz spinnwebartig viele Teile des katholischen Europas. Seit den 1990er Jahren hat diese Tradition neuen Aufschwung erhalten. In ganz Europa werden große Teile des mittelalterlichen Wegenetzes wieder erschlossen und als moderne Pilger- und Wanderrouten bekannt gemacht.

Am 4. Juli 2007 wurde die Strecke des Jakobsweges in Ostbrandenburg mit einer geführten Wanderung von Frankfurt nach Berlin feierlich begangen. Außerdem wurde am Kaiserportal der Marienkirche eine Tafel aufgestellt. Mit der 4-tägigen geführten Wanderung wurden die historischen Routen des Jakobusweges zum ersten Mal öffentlich abgelaufen. Mitwanderer auf den Tagesetappen (20-25 km) waren herzlich willkommen.

Aus diesem Grund entschlossen wir uns (Pilgersebi und ich), am Wochenende die Schlussetappe der Nordroute als die Gebrüder Pillgrimm zu begleiten und mit unserem Dadaismus zur Wahrheitsfindung innerhalb der Gruppe beizutragen. Die Strecke führte uns von Rehfelde über Strausberg und Werneuchen nach Bernau, wo ich einst geboren wurde.

Mit der Heidekrautbahn trafen wir auf dem Bahnhof Rehfelde ein und erwarteten die uns unbekannte Gruppe. Unter der Führung von Laura Stern, Studentin der Europa-Universität Viadrina, waren vor allem ältere Menschen unterwegs, zumeist aus religiösen Gründen. Einige waren bereits in Santiago gewesen und wollten dieses Pilgererlebnis vor der brandenburgischen Haustüre wiedererleben.

Es wäre müßig und ermüdend, die Erlebnisse der beiden Tage nachzuerzählen, darum beschränke ich mich hier auf das WUNDER VON KLOSTERDORF. Es geschah gleich an unserem ersten Tag, (dem 07.07.07 – ein Omen!), als unsere Gruppe bei ÖkoLEA zu Gast war und mit leckerem Drachenbrot und original märkischen Spaghettis versorgt wurde. Die Menschen dort leben in einer ökologisch ausgerichteten Kommune und teilen dabei nicht nur ihre Erlebnisse.

Pilgersebi entdeckte an einer Scheunentür eine Dartscheibe und schnappte sich sogleich die Pfeile. Dabei wurde er von einer Einwohnerin in ein Gespräch verwickelt, in dessen Verlauf er versuchte, die Frau zum Mitpilgern zu überreden. Die Frau gab sich interessiert, verwies jedoch auf die vielen weltlichen Dinge, die sie noch zu tätigen habe. "Wer tut meine Arbeit, wer versorgt meine Kinder? wehklagte sie. Pilgersebi, dieser Menschenfischer, wollte der Frau die Entscheidung abnehmen und diese Gott überantworten. Wenn er mit dem einen Pfeil in seiner Hand genau in die Mitte der Dartscheibe treffen würde, solle die Frau mitkommen. Sie nickte Zustimmung und Pilgersebi warf ohne Erwärmung aus fünf Metern Entfernung direkt in das 1 x 1 Zentimeter große Feld: Bulls Eye! Gott hatte gesprochen. Auch wenn die Frau letztendlich zurückblieb, so musste sie doch ihr bisheriges Leben überdenken und wird wohl jedem Vorbeireisenden von dem Klosterdorfer Wunder erzählen. Und ich kann sagen, ich bin dabeigewesen.

Wer auch mal will, hier die Route:
PillgramJacobsdorf – Sieversdorf – Alt-Madlitzer Mühle – Falkenhagen – Arensdorf – Haselfelde – Heinersdorf – TempelbergMöncheberg – Schlagenthin – Hoppegarten – Werder – Rehfelde – Garzau – Garzin – Hohenstein – Klosterdorf – Strausberg – Spitzmühle – Wesendahl – Werneuchen – Börnicke – Bernau.

weitere Infos unter:
- Offizielle Webpräsenz: Jakobsweg Brandenburg
- Auf dem Brandenburger Jakobsweg (mit schickem Foto...)

Freitag, 1. Juni 2007

Pfingstüberschwemmung in der Berliner Straße



Die enormen Regenfälle am Pfingstwochenende führten zu einer Überschwemmung in der Berliner Straße. Auch die Straßenbahn musste stehen bleiben. War es die Klinge, die hier über ihre Ufer schwappte? Auf jeden Fall war es angesichts dieser Wassermassen kein Leichtes, über die Klinge zu springen...



Quelle: Youtube.com

Freitag, 4. Mai 2007

Ein Placeblog: Hart an der Grenze

Dieses unseres Blog hat lobende Erwähnung gefunden, und zwar in der Readers Edition. Dort steht unter der Überschrift "Placeblogs: Woher komme ich? Wer bin ich?" folgende Einschätzung:

Steingebirge
"Wer hätte das gedacht? Kultur pur aus Frankfurt/Oder. Dabei lässt der Untertitel 'Hart an der Grenze' eher auf anstößige Bilder denn auf historische Querverweise schließen. Aber hier geht es tatsächlich um Menschen wie den Expressionisten Gottfried Benn, Ingenieur Gerhard Neumann und, in kritischer Distanz, Nazi-Admiral Karl-Jesko von Puttkamer. Ach ja, das Blog ist hübsch gestaltet, es gibt auch Videos."

Und das, obwohl ich eine mehr als zweimonatige Pause eingelegt hatte. Groß-ar-tig! Fa-bel-haft! Wun-der-bar! Ich danke den Rezensoren für die Begutachtung dieser Seiten mit einem Dankeschön: Dankeschön!

Donnerstag, 3. Mai 2007

Trams & Tramps - Alltagsgeschichte aus FFO

Es ist Montag in der Früh und ich haste zur Haltestelle. Die Straßenbahn zieht an mir vorbei und bremst vorschriftsgemäß ab. Außer Atem erreiche ich die hinterste Tür, doch die Leuchtdioden werden nicht grün, die Tür bleibt geschlossen. Ein Wermutbruder mit zahllosen Beuteln macht an der mittleren Tür dieselbe Feststellung.

Dafür gibt ein Knacken die vorderste Öffnung frei und spuckt einen Mann aus. Er ruft mir zu: "Sie müssen vorne einsteigen!" und zu dem Wermutbruder gewandt ruft er mit schimpfender Stimme: "Wie oft soll ich dir denn das noch sagen? Du kommst hier nicht rein! Kauf dir gefälligst nen Fahrschein!"

Ach, die beiden kennen sich.

Der zottelige und verwahrloste Trinker nimmt seine prallvoll gefüllte Beutelsammlung, geht wieder auf den Bürgersteig und schimpft zurück: "Wasch dich erst mal, wenn du mit mir redest!"

* * *

Es ist abend, ich bekomme gerade so die letzte Straßenbahn, um mit den anderen Pillgram-Pilgrims des RE1 vom Bahnhof ins Stadtzentrum zu gelangen. Am Topfmarkt will ich aussteigen, wieder öffnet sich nur die vorderste Tür. Eine Frau steigt aus, die Fahrerkabine knarzt auf und der Straßenbahnpilot baut sich mit den Händen in die Hüften gestemmt am Eingang auf. Ich fühle mich wie ein Schwarzfahrer, der erwischt wird. Blöde grinsend gehe ich an ihm vorbei ins Freie.

Draußen versucht ein sichtlich alkoholisierter Wermutbruder krampfhaft mit Krücken in die Tram einzusteigen. In die geschlossene Tür hinein. Die Tram fährt langsam an. der Wermutbruder purzelt rücklings ins Scheinwerferlicht der wartenden Autos. Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken.

Als ich umkehre, steigt schon der Kraftfahrer des vordersten Kraftfahrzeugs aus und entfernt das menschliche Etwas unter Verwendung von Kraftausdrücken von der Straße.

Nobody loves you when you are down and out.

Frankfurt (Oder)

Hart an der Grenze

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Various, Carl Philipp Emanuel Bach
Edition Carl Ph. Emanuel Bach


Manze/the English Concert/Mcgillivray, Carl Philipp Emanuel Bach
Sinfonien 1-4/Cello Conc.in a

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